type of cuisine - geographic version - rest of the world

Die Kultur eines Landes? Die wird auch am Tisch gemessen.
( Corriere della Sera - 10/4/1995 von Francesco Alberoni )


Oft sieht man in den amerikanischen Filmen, dass die Leute nach Hause kommen und weder das Abendessen vorbereiten noch den Tisch decken.

Alle Öffnen den Kühlschrank, nehmen irgendetwas Kaltes heraus, werfen sich auf einen Sessel,stellen den Fernseher an und fangen an, direkt aus der Tüte zu essen und zu trinken.

Man hat wirklich den Eindruck, dass die Speise ¸berhaupt kein Interesse erweckt, und auch die Mitmenschen erwecken kaum Interesse.

 Diese Gewohnheiten verbreiten sich langsam auch bei uns.

Einige beurteilen dies als Fortscritt, als Ausdruck einer grÖsseren Emanzipation. Ich hege jedoch grosse Zweifel an diesen Feststellungen.

Diese Art von Essen ist ein Zeichen des Verfalls, der Anomie. Das Essen ist kein Wertausdruck und auch kein Ritus des Zusammenseins mehr.Hier in Italien legen wir noch Wert auf das Essen.

Auch das bescheidenste Restaurant deckt den Tisch, indem eine saubere Tischdecke aufgelegt wird und Teller, Messer und Gabel und ein Glas hingestellt werden. 

Aber auch zu Hause haben noch viele die Gewohnheit, den Tisch komplett zu decken, auch wenn man nur zu Zweit ist. Dann wird über die Speise gesprochen, sie wird kommentiert, verglichen und beurteilt.

Alles besitzt eine Bedeutung, eine Stärke, die auf Kultur und Geschichte beruht. Ich erinnere mich noch, dass ich tagelang durch Australien reiste, ohne irgendwelche Erinnerungen über die Landschaft, die ich gesehen habe, sammeln zu können.. Weil die Felsen, die Wüsten keine Geschichte aufweisen.

Einzelheiten der Landschaften Ägyptens, Syriens und in Marocco sind mir stark in Erinnerung geblieben.

Und ich erinnere mich auch an ein kleines italienisches Restaurant in Stockholm, das von der Italienischen Gastronomie-Akademie auserwählt worden war.

Ich war damals vom Botschafter Solari Bozzi eingeladen worden. Einige Mitglieder erklärten mir die historischen und regionalen Wurzeln der Gerichte, die aufgetragen wurden, andere sprachen über Weine und schliesslich gaben alle Anwesenden ihr Urteil ab.

Dank dieser Initiative konnte das Restaurant die Tradition erhalten und neue Gerichte erfinden. Die Speisen sind Ergebnisse von Kultur und Geschichte.

Ohne diese Zutaten erlebt ein Restaurant seinen Untergang, was dazu führt, dass als typisch italienischer Speise kalte, zerkochte Nudeln oder eine zehn Zentimeter hohe Pizza mit holländischem Käse serviert werden.

Ein Volk, das die eigene Geschichte nicht kennt, ist zum Untergang verurteilt. Die Juden konnten das schlimmste Leid überleben, weil jeder einzelne Mensch es gelernt hat, Zeuge seiner Gemeinschaft zu sein.

Jeder Mensch kennt die Geschichte seiner Familie, weiss, woher sie kommt, welche Etappen sie zurückgelegt hat, kennt Verwandtenb¸ndnisse und hat die erlittenen Verfolgungen nicht vergessen. Nur die Adeligen erinnern sich gleich gut ihrer Ahnentafel.

Aber sie besitzen weder die gemeinsam erlebte Erinnerung noch den ebenso starken Sinn der SolidaritÓt. Die zweite Tatsache, die zur Rettung der Juden beitrug, war die Aufrechterhaltung der Sitten und BrÓuche.

Auch nach der Zerstörung des Tempels haben sie, wo auch immer sie waren und inmitten eines beliebigen, anderen Volkes, die tief verwurzelten Regeln der Torý respektiert.

Viele glauben, dass die Erinnerungen an die Vergangenheit und die Erhaltung eines Rituals ein Hindernis für die Kreativität darstellen.

 Das ist unwahr. Wir werden erst dann kreativ, wenn uns eine Sache zutiefst interessiert.

 Für uns Italiener übernehmen das Wohlergehen, der Geschmack, die Schönheit grundlegend wichtige Rollen.

Und deswegen ist auch das Essen wichtig. Und nicht nur die Zutaten oder die Dosen, die wir im Supermarkt kaufen.

 Es geht um die Art, wie wir den Tisch decken, mit Tischdecke, Teller und Geschirr, und wie wir die Speisen zubereiten, servieren und essen. Nur mit diesem sozialen, ästhetischen, kulturellen und geschmacklichen Hintergrund können wir die Erfahrungen anderer Länder und anderer Kulturen aufnehmen und neue Gerichte erarbeiten.

 Und nur so können wir eine eigene Gastronomie und eine eigenständige Lebensmittelindustrie schaffen. 


 


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