| Oft sieht man in den amerikanischen
Filmen, dass die Leute nach Hause kommen und weder das Abendessen vorbereiten
noch den Tisch decken.
Alle Öffnen den Kühlschrank,
nehmen irgendetwas Kaltes heraus, werfen sich auf einen Sessel,stellen
den Fernseher an und fangen an, direkt aus der Tüte zu essen und zu
trinken.
Man hat wirklich den
Eindruck, dass die Speise ¸berhaupt kein Interesse erweckt, und auch
die Mitmenschen erwecken kaum Interesse.
Diese Gewohnheiten
verbreiten sich langsam auch bei uns.
Einige beurteilen dies
als Fortscritt, als Ausdruck einer grÖsseren Emanzipation. Ich hege
jedoch grosse Zweifel an diesen Feststellungen.
Diese Art von Essen ist ein
Zeichen des Verfalls, der Anomie. Das Essen ist kein Wertausdruck und auch
kein Ritus des Zusammenseins mehr.Hier in Italien legen wir noch Wert auf
das Essen.
Auch das bescheidenste
Restaurant deckt den Tisch, indem eine saubere Tischdecke aufgelegt wird
und Teller, Messer und Gabel und ein Glas hingestellt werden. Aber auch zu Hause haben
noch viele die Gewohnheit, den Tisch komplett zu decken, auch wenn man
nur zu Zweit ist. Dann wird über die Speise gesprochen, sie wird kommentiert,
verglichen und beurteilt.
Alles besitzt eine Bedeutung,
eine Stärke, die auf Kultur und Geschichte beruht. Ich erinnere mich
noch, dass ich tagelang durch Australien reiste, ohne irgendwelche Erinnerungen
über die Landschaft, die ich gesehen habe, sammeln zu können..
Weil die Felsen, die Wüsten keine Geschichte aufweisen.
Einzelheiten der Landschaften
Ägyptens, Syriens und in Marocco sind mir stark in Erinnerung geblieben.
Und ich erinnere mich
auch an ein kleines italienisches Restaurant in Stockholm, das von der
Italienischen Gastronomie-Akademie auserwählt worden war.
Ich war damals vom Botschafter
Solari Bozzi eingeladen worden. Einige Mitglieder erklärten mir die
historischen und regionalen Wurzeln der Gerichte, die aufgetragen wurden,
andere sprachen über Weine und schliesslich gaben alle Anwesenden
ihr Urteil ab.
Dank dieser Initiative konnte
das Restaurant die Tradition erhalten und neue Gerichte erfinden. Die Speisen
sind Ergebnisse von Kultur und Geschichte.
Ohne diese Zutaten erlebt
ein Restaurant seinen Untergang, was dazu führt, dass als typisch
italienischer Speise kalte, zerkochte Nudeln oder eine zehn Zentimeter
hohe Pizza mit holländischem Käse serviert werden.
Ein Volk, das die eigene
Geschichte nicht kennt, ist zum Untergang verurteilt. Die Juden konnten
das schlimmste Leid überleben, weil jeder einzelne Mensch es gelernt
hat, Zeuge seiner Gemeinschaft zu sein.
Jeder Mensch kennt die Geschichte
seiner Familie, weiss, woher sie kommt, welche Etappen sie zurückgelegt
hat, kennt Verwandtenb¸ndnisse und hat die erlittenen Verfolgungen
nicht vergessen. Nur die Adeligen erinnern sich gleich gut ihrer Ahnentafel. Aber sie besitzen weder
die gemeinsam erlebte Erinnerung noch den ebenso starken Sinn der SolidaritÓt.
Die zweite Tatsache, die zur Rettung der Juden beitrug, war die Aufrechterhaltung
der Sitten und BrÓuche.
Auch nach der Zerstörung
des Tempels haben sie, wo auch immer sie waren und inmitten eines beliebigen,
anderen Volkes, die tief verwurzelten Regeln der Torý respektiert. Viele glauben, dass die Erinnerungen
an die Vergangenheit und die Erhaltung eines Rituals ein Hindernis für
die Kreativität darstellen.
Das ist unwahr. Wir
werden erst dann kreativ, wenn uns eine Sache zutiefst interessiert. Für uns Italiener
übernehmen das Wohlergehen, der Geschmack, die Schönheit grundlegend
wichtige Rollen.
Und deswegen ist auch das
Essen wichtig. Und nicht nur die Zutaten oder die Dosen, die wir im Supermarkt
kaufen.
Es geht um die Art,
wie wir den Tisch decken, mit Tischdecke, Teller und Geschirr, und wie
wir die Speisen zubereiten, servieren und essen. Nur mit diesem sozialen,
ästhetischen, kulturellen und geschmacklichen Hintergrund können
wir die Erfahrungen anderer Länder und anderer Kulturen aufnehmen
und neue Gerichte erarbeiten.
Und nur so können
wir eine eigene Gastronomie und eine eigenständige Lebensmittelindustrie
schaffen. |
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